Es ist Herbst und ich fahre wegen der U5-Baustelle einen kleinen Umweg, natürlich über den Friedhof. Ich habe ein Seminar und bin recht früh fertig, so dass ich wieder einer meiner "Umwege" mache. Durch meine Kollegin T., aber auch durch eigene Recherchen stoße ich immer wieder auf interessante Grabstätten.
In diesem Fall ist es das von Ben und seiner Familie, welches als Besonderheit nicht nur einen Grabstein, sondern drei schmale Säulen mit 2 Inschriften hat. Inzwischen habe ich gelernt, Grabstätten zu finden, aber es ist immer noch etwas Detektivarbeit notwendig. So taste ich mich mit der Online-Verstorbenensuche und Google-Maps vor, in der Nähe des Landschaftsturmes "Kleines Glück" soll es sein.
Irgendwann finde ich es und sehe, wie eine Mann, etwa in meinem Alter, das Grab von Herbstlaub befreit. Menschen auf Friedhöfen anzusprechen ist nicht immer ganz einfach, da die Reaktionen sehr unterschiedlich ausfallen können.
Ich frage ihn, ob er zur Familie gehöre und er schaut mich etwas verständnislos an. Es stellt sich heraus, dass er französischsprachigem Ursprungs ist und einfach kein Deutsch versteht. So unterhalten wir uns auf Englisch und er bejaht, dass er ein Freund der Familie sei und regelmäßig nach dem Grab schaue. Ich frage ihn, ob er den Hintergrund der beiden Gedichte kenne.
Er zeigt auf das eine Gedicht, welches unten auf der einen Säule eingraviert und eher ein Spruch ist. Es ist bereits ziemlich zugewachsen und er legt es frei:
"Angels are not to stay on earth, they come an go"
Frei übersetzt: "Engel sind nicht dazu bestimmt, auf der Erde zu verweilen, sie kommen und gehen"
Er erzählt mir, dass Ben`s Vater Ronald ihn immer vor dessen Tod sagte. Anscheinend ist sein Sohn deutlich früher gegangen. Wie traurig, wenn Eltern ihre Kinder beerdigen müssen.
Ich bin von der Situation so gefangen, dass ich nicht weiter nachfragen kann. Er erzählt mir, dass er den Hintergrund des anderen Gedichtes nicht kennt.
Also stehen wir beide auf dem Friedhof vor dem Grab und suchen im Internet.
Eine komische Szene, aber irgendwie fühlt sie sich doch gut und richtig an.
Ich finde heraus, dass es sich um den 3. Vers des Gedichtes "Mondnacht" des Dichters Joseph von Eichendorff handelt, das dieser um 1835 schrieb:
Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
Parallel dazu stößt er bei Youtube auf einen Sänger "Akim Reikel". Er zeigt es mir und ich muss schmunzeln, da es sich um den bekannten Hamburger Sänger Achim Reichel handelt, der das Gedicht (wie auch schon Robert Schumann und Johannes Brahms) vortont hat und hier in einer wunderschönen Akustikversion zu hören ist:
Externer Link zum Video (Youtube):
Er schaut immer wieder vom Handy zum Gedicht auf der Säule und zurück, sichtlich bewegt. Ich weiss nicht, was ich sagen soll, schaue der Szene einfach nur zu und bin ebenso bewegt.
Schließlich sagt er: "Das habe ich nicht gewusst. Vielen Dank, dass wir uns hier getroffen haben, das war ein kosmischer Moment".
Ich habe noch so viele Fragen, kann sie aber nicht stellen, da die Situation mich so gefangen hält. So verabschieden wir uns mit einem Handschlag und einem Blick, der beiderseits viel Dankbarkeit zeigt.